18. Türchen - 18.12.2014

Eine schöne und ruhige Adventszeit und viele spannende Adventkalender-Türchen!

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meinrad
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Re: 18. Türchen - 18.12.2014

Beitrag von meinrad » Montag 9. Februar 2015, 11:32

Der Erleuchtete
(eine Fortsetzung aus ebenfalls unerleuchtetem Zustand)

... und wie sie so saßen und meditierten, hörten sie plötzlich lautes Geschrei, Trompeten und das Hufe schlagen und wiehern von Pferden. Eine fremde Streitmacht war in ihre Stadt eingedrungen und trieb die Menschen vor sich her. Der Feldherr sprach zu einer Gruppe seiner Soldaten. „Geht hin in Ihre Häuser und bringt mir ihre Anführer. Ich will sie von ihrem Volk trennen, damit ich es leichter beherrschen kann, weil sie dann niemanden haben, auf den sie sonst hören könnten.“

Zweien seiner Adjutanten aber sagte er: „Und ihr sucht ihre Erleuchteten, die sie Meister nennen, und tötet sie, denn ihre Weisheit könnte alle Macht und Herrschaft in Frage stellen. Aber achtet darauf, dass niemand Euch sieht. Es muss nicht sein, dass das Volk darum weiß, denn ich will in Ruhe herrschen und nicht den Keim von Zorn und Rache gelegt haben.“

Die Adjutanten machten sich auf den Weg. Aber einer der beiden erschrak und fürchtete sehr, seine Seele zu beschmutzen, weshalb er umkehrte und zum Feldherrn sprach: „Du bist ein mächtiger Herr und ich bin Dein Diener, Du hat uns durch viele Gefahren geführt und vor Unglück bewahrt, du hast viel Gutes getan längs deines Weges und die Völker, die Du unterworfen hast, preisen Dich und verbinden den Frieden, in dem sie nun leben, mit Deinem Namen. Du bist ein wahrhaft großer Führer. Alle Die ich in Deinen Diensten getötet habe waren Feinde, Räuber, Gewalttäter die unser eigenes Land, unsere Familien, unsere Herden und Äcker bedroht haben, unser Wasser stahlen. Nun aber, Herr schickst Du mich aus, friedfertige Männer zu töten, Männer der Weisheit, die keiner Taube etwas zuleide zu tun. Ich bin Dein Diener, gewiss und ich werde Dir gehorchen. Aber denkst Du nicht, dass es Deinem großen Werk der Vereinigung friedliebender Völker und der Sicherung des Friedens in unserem Reiche viel mehr dienen könnte, wenn wir die Weisheit dieser Erleuchteten nutzen als wenn wir uns gegen sie wehren.“

Zunächst fühlte der Feldherr Ärger in sich aufsteigen, ob des Widerspruches seines Adjutanten. Je länger er ihm aber zuhörte, desto mehr spürte er Zweifel und er dachte bei sich,
ob nicht vielleicht die Zeit des Kriegs schon sein Denken zu sehr verändert hatte.
„Vielleicht hast Du Recht“ sagte er leise „Lass uns einen Erleuchteten suchen und dann entscheiden.“ So suchten sie gemeinsam die schattigen Plätze ab und fanden tatsächlich den Meister so wie den bei ihm sitzenden Mönch. Sie traten auf die beiden zu und stellten sich vor. Dem Erleuchteten war beim Anblick der Bewaffneten klar in welcher Situation sie sich befanden und er erspürte auch die Spannung und die Kontroverse zwischen den beiden Männern. Sie sprachen miteinander und verabredeten für die folgenden Tag weitere Gespräche über die Eigenheiten der Stadt, die Vision des Feldherrn und über die Grundlinien eines gerechten Staates.

„Für heute ist es gut gegangen“ sagte der Erleuchtete zum Mönch, als die Bewaffneten gegangen waren. „Hätte auch schief gehen können. Die Vielzahl der Dinge, die passieren können, passen nicht in kurze Geschichten, weil die Geschichten immer weitergehen. Und was heute Wahrheit ist kann morgen Lüge sein. Was geschehen ist und uns klug erschien, kann morgen oder übermorgen Konsequenzen haben, die niemand sah und an die niemand denken konnte. Das Richtige und das Falsche sind in einem Kontinuum miteinander verbunden.

Drei Dinge können wir tun wenn handeln müssen. Uns anpassen und tun, was von uns verlangt wird oder was wir meinen, dass es von uns verlangt würde. Zum Zweiten können wir widersprechen und zum Dritten können wir abwandern. Manchmal ist es eine Mischung was wir tun, manchmal tun wir erst das eine dann das andere, oder wir erwecken den Anschein, das eine oder andere tu tun und tun in Wirklichkeit etwas anderes.

Dies sind die Drei Wege die wir gehen können. Der erste ist der Einfachste, der zweite ist der Schwierigste. Er erfordert Mut manchmal Tapferkeit weil er meist ein Risiko in sich trägt. Auf jeden Fall erfordert er Argumentationskraft.
Weisheit passt nicht auf ein Kalenderblatt." Dann lachten die beiden miteinander und teilten sich Getreidebrei und Früchte.


.. und gute Besserung für Nirbheeti
.... lasst uns froh und munter sein !

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Re: 18. Türchen - 18.12.2014

Beitrag von Nirbheeti » Montag 9. Februar 2015, 19:46

So liiiebe ich das Strömforum!!!

:danke: für die Wertschätzung!
:danke: für die neuen Blickwinkel!
:danke: für die guten Wünsche!

allen einen schönen Abend!
Nirbheeti
Entdeckung heißt sehen, was alle gesehen haben,
und dabei zu denken, was keiner gedacht hat.
(What Mary says, S. 11)

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Re: 18. Türchen - 18.12.2014

Beitrag von Nirbheeti » Montag 5. Oktober 2015, 22:27

Ich habe diese Geschichte in einer anderen Version gefunden. Da geht es nicht darum, Tauben zu töten sondern zu stehlen.

Der Meister forderte die Schüler auf, zu stehlen, ohne dass sie von irgendjemand gesehen wurden. Einer kam von jedem Versuch mit leeren Händen zurück. Immer wenn er etwas mitnehmen wollte, sah er sich selber beim Stehlen. Der Autor lässt den Meister dazu sagen:
"... Was immer ihr auch Unmoralisches tut, einer sieht euch immer dabei, und der seid ihr selbst. Und weil ihr es seht, fühlt ihr euch schlecht und leidet darunter."

(Aus: Ajahn Brahm: Der Elefant, der das Glück vergaß, Lotos Verlag 2015, S. 107-110: Jemand sieht dich immer)

Lieben Gruß!
Nirbheeti
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Re: 18. Türchen - 18.12.2014

Beitrag von meinrad » Dienstag 6. Oktober 2015, 08:33

Gefällt mir sehr gut
Deine Nachtschichtarbeit
nicht so blutrünstig und für die Moral allemal stark genug
:witz:
.... lasst uns froh und munter sein !

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